Anschreiben gegen die Trostlosigkeit
Wie schreiben, wenn Sprachlosigkeit und Scham der bis dahin gewohnte Modus waren? Diese Frage steht hinter dem Buch, um das es heute im Bücher-Podcast geht: „Vaterlos“ von Thomas Medicus, laut Untertitel ein „Tatsachenroman“. Der Autor behandelt darin mit erzählerischen Mitteln die Tragödie seines Lebens: den Selbstmord des Vaters, eines erfolgreichen Landarztes in der fränkischen Provinz, der von einem Tag auf den anderen aus der vierköpfigen Familie verschwindet und verschiedene Formen von Einsamkeit und Trostlosigkeit zurücklässt – er, der selbst trostlos war.
Mit seinem kurzen, dicht geschriebenen Buch unternimmt Medicus die Erkundung eines Lebensthemas, dem er sich bis dahin nur auf verschlüsselte Weise nähern konnte, weil das Rätsel um den Suizid des Vaters einfach nicht zu lösen war.
Doch was der Autor als Siebzehnjähriger und auch in den Jahren darauf möglicherweise nicht konnte – umgehen mit einem Trauma, Antworten finden auf Fragen, die kaum zu stellen sind –, dazu sind Texte vielleicht fähig, weil sie im ruhigen Nachdenken der freiwilligen Rückschau entstehen. Weil sie sich gestalten und überarbeiten lassen. Weil sie Erkenntnis nicht verpulvern, sondern konservieren und gleichsam begehbar machen. Und weil sie – am Ende – einen Resonanzraum schaffen, der auch lange nach der Beendigung des Schreibens noch Echos hervorbringt.
Thomas Medicus: „Vaterlos“. Tatsachenroman. Verlag Rowohlt Berlin, 220 Seiten, 24 Euro.
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